Laute Musik am Abend. Genau dann, wenn du entspannt deinen Garten genießen möchtest. So laut, dass Nachbarn bereits zum Veranstalter gegangen sind und darum gebeten haben, die Musik etwas leiser zu machen. Die Antwort? Man habe schließlich das Recht, bis 22 Uhr laut zu sein. All das erzählt mir meine Mutter am Telefon.
Und was macht mein Kopf? Er malt sich direkt aus, wie es sein wird, wenn ich wieder zu Hause bin und in Ruhe meinen Strandkorb genießen möchte. Ich lege mir innerlich schon Argumente für ein mögliches Gespräch zurecht. Ich bemerke es und wir wechseln das Thema.
Doch falls du glaubst, so ein kleiner Hinweis reicht meinen Gedanken, um wieder auf Spur zu kommen, hast du dich getäuscht.
Am nächsten Morgen liege ich gemütlich in meiner Wohnung in Dortmund im Bett. Die Sonne scheint. Ich habe erst später Termine. Eigentlich ein perfekter Start in den Tag. Bis meine Gedanken wach werden. Und die schicken mich direkt zurück in das Streitgespräch mit dem Hobby-DJ in der Nachbarschaft. Zack. Mitten in einer Geschichte, die es ausschließlich in meinem Kopf gibt. Das Verrückte daran? Ich bin rund 250 Kilometer entfernt. Ich löse also ein Problem, das noch gar nicht existiert – an einem Ort, an dem ich nicht einmal bin.
Zum Glück kenne ich meine Gedanken inzwischen ziemlich gut. Ich weiß, dass sie genau das gerne tun. Also entziehe ich ihnen bewusst meine Aufmerksamkeit. Am besten funktioniert das bei mir, indem ich in meinen Körper gehe. Ich nehme meinen Atem wahr oder mache einen kurzen Körperscan. Sofort verändert sich etwas. Nicht nur im Kopf wird es ruhiger. Mein ganzes System beruhigt sich. Ich bin wieder im Hier und Jetzt. Wieder bei mir.
Vielleicht kennst du das auch.
Ein herausforderndes Gespräch steht an. Mit dem Nachbarn, einem Familienmitglied oder Mitarbeitenden. Noch bevor du überhaupt vor Ort bist, gehen deine Gedanken direkt an die Arbeit.
Denn sie können gar nicht anders. Sie sind dafür gemacht, Probleme zu lösen. Und das machen sie leidenschaftlich – detailliert und unglaublich kreativ. Allerdings auch dann, wenn wir ihnen gar kein echtes Problem liefern. Dann bauen sie sich eben eins.
So kann es auch bei schwierigen Gesprächen sein. Das Gespräch steht an, fordert uns heraus – und schon legen die Gedanken los. Sie spielen alle möglichen Verläufe durch. Und Überraschung: Es sind selten die positiven. Viel häufiger entstehen Eskalationsgespräche. Du sammelst innerlich Argumente, formulierst Antworten auf mögliche Widerstände und bist plötzlich mittendrin.
Den Gedanken folgen Gefühle. Wut. Zweifel. Unsicherheit. Ärger. Du fühlst sie, bevor du überhaupt losgefahren bist. Je mehr Raum du den Geschichtenerzählern in deinem Kopf gibst, desto realer werden diese Emotionen. Und oft begleiten sie dich bis in das eigentliche Gespräch. So gehst du vielleicht schon mit 180 in das Mitarbeitergespräch. Schließlich glaubst du zu wissen, was gleich passieren wird – du hast ja alles schon durchgespielt.
Das Problem? Emotionen strahlen wir aus. Unser Gegenüber nimmt sie wahr und reagiert darauf. Willkommen bei der selbsterfüllenden Prophezeiung.
Unsere Gedanken bestimmen also nicht nur unsere Stimmung, sondern oft auch den Verlauf eines Gesprächs, eines Verkaufsgesprächs oder sogar unseres ganzen Tages. Solange wir sie lassen.
Dabei können wir diesen Aktivismus unserer Gedanken auch für uns nutzen, indem wir ihnen eine andere Richtung geben. Zum Beispiel mit der Frage: Was kann ich tun, damit dieses Gespräch einen möglichst guten Verlauf nimmt?Plötzlich beschäftigen sich deine Gedanken mit Lösungen, die dir wirklich helfen.
Deshalb meine drei Impulse für mehr Selbstführung:
- Beobachte deine Gedanken. Denn du hast Gedanken – aber du bist nicht deine Gedanken.
- Entziehe ihnen Aufmerksamkeit, wenn sie Geschichten erzählen, die nur in deinem Kopf stattfinden.
- Gib ihnen eine Richtung, die dir dient. Nutze ihre Kreativität bewusst für Lösungen statt für Katastrophenszenarien.
Seit ich das immer häufiger schaffe, bin ich insgesamt ruhiger geworden. Ich komme leichter durch den Tag. Nicht, weil meine Gedanken verschwunden sind, sondern weil ich die Führung in meinem Leben übernommen habe – und sie nicht mehr dauerhaft an die Stimme in meinem Kopf abgebe.