Sicherheit – das wollte ich. In allem, was ich tue. Was bringt Sicherheit? Kontrolle. Zahlen, Daten, Fakten. Immer alles im Blick behalten, möglichst detailliert, um nichts zu vergessen oder zu verpassen.
Heute erkenne ich diesen Mechanismus erst in seinem vollen Ausmaß und wie sehr er mich im Griff hatte. Von wegen Kontrolle…. Ich habe alles Mögliche dokumentiert: Neue Gewohnheiten etablieren? Gewohnheitstracker, um meine Erfolge und auch Misserfolge sichtbar zu machen. Bei meinem Körper habe ich immer wieder Ernährungstagebücher geführt und an Diätprogrammen teilgenommen. Mit einem Workbook oder einer Dokumentation? Wunderbar. Das war genau meins. So hatte ich ja wieder die Kontrolle. Täglich stand ich auf der Waage. Am besten auch das dokumentieren.
Meine Uhr nahm meine Bewegung auf. Ein nicht mitgeschnittenes Training war fast so, als hätte es nicht stattgefunden. Denn es war ja nicht dokumentiert, nicht nachweisbar. Sogar den Schlaf habe ich dauerhaft aufgezeichnet. Das ist alles sicherlich mal sinnvoll, um sich zu motivieren, Ursachen zu finden und sich genauer zu verstehen. Doch nicht, wie ich es gemacht habe. Denn schon eine fehlende Aufzeichnung löste in mir das Gefühl von Kontrollverlust aus. Das weiß ich heute.
Sogar meine Journals habe ich möglichst detailliert geführt und am besten immer direkt zur Hand gehabt, um wichtige Dinge festzuhalten. Für mich, die Zukunft, die Nachwelt. Keine Ahnung für wen. Hauptsache so im Detail, dass nichts meiner Erinnerung entgehen konnte.
Bei der Arbeit hätte ich am liebsten Protokolle meines gesamten Tages gehabt. Am besten inklusive meiner Wortwahl. Denn dann hätte ich ja auch im Nachgang analysieren können, ob ich mich richtig verhalten habe, hätte Nachweise gehabt….
Und hätte mich nachts nicht so quälen lassen müssen von meinem Gedankenkarussell. Von meinem inneren Kritiker, der den Tag noch einmal durchging, um zu schauen, ob auch nichts schief gelaufen ist, wo es noch Verbesserungspotenzial gab.
Doch meine Dokumentation hatte Lücken. Und diese hat Kontrolletti mit eigenen Bewertungen, Wahrscheinlichkeiten und Geschichten ausgefüllt. Du ahnst es schon – selten mit den guten Varianten.
Ich wollte Kontrolle und habe versucht, sie über Dokumentation und Visualisierung zu erreichen. Das hat mir sicherlich auch viel gezeigt. Doch hatte ich ja den kritischen Fokus. Also habe ich vor allem Lücken und Missstände gesehen, anstatt Erfolge zu feiern. Zudem habe ich mich mit all meinen Tools komplett selbst überfordert. Denn ich musste ja täglich zig Dinge ausfüllen.
Erst heute wird mir klar, wie ausgeprägt das war und warum ich diesen Drang hatte, es so zu machen. Dahinter steckte nur eins: Unsicherheit. Auch Selbstzweifel.
Heute journal ich immer noch und habe in kritischen Phasen meinen Schlaf im Blick, achte auf Bewegung. Doch brauche ich dafür nicht all diese Aufzeichnungen. Ich vertraue meinem Gefühl, meiner Wahrnehmung und auch mir, dass ich über den Tag Dinge richtig gemacht habe. Ich tracke meine Bewegung nicht mehr, trage nicht einmal mehr eine Uhr. Ich habe keine Gewohnheitstracker mehr und schreibe nicht immer ganze Aufsätze in mein Journal, sondern das, was wichtig ist. Ich schreibe nicht aus Druck, sondern aus Freude.
Und so habe ich vielleicht vermeintliche Kontrolle verloren. Doch ich habe Vertrauen gewonnen und zusätzlich Freiheit.
Mein Gedankenkarussell – mein Kontrolletti – ist noch da. Das ist auch gut so. Denn er weist mich auf wichtige Aspekte hin. Doch ich überlasse ihm nicht mehr die Führung.
Nicht mehr meine Gedanken kontrollieren mich – sondern ich sie.