In unsicheren Zeiten - Chance oder Gefahr?

Auch eine Frage der Haltung

Eigentlich sollte ich gerade einen Workshop bei einer Bäckerei mit Genussberatern und Empfehlungswundern rocken. Eigentlich. Eigentlich wäre ich am Montag bereits zu einem Gespräch bei einem Kunden in Berlin gewesen. Eigentlich. Eigentlich wäre ich ab Donnerstag weiter zur nächsten Kundin gefahren. Eigentlich. Eigentlich wäre ich an dem Wochenende zu einem Klassikkonzert gegangen. Eigentlich. Eigentlich war ich letztes Wochenende auf der Internorga. Eigentlich. Eigentlich wären dieser und der nächste Monat meine auftragsstärksten Monate voller Termine gewesen. Eigentlich.....

 

Eigentlich sitze ich gerade vor Fachliteratur und bearbeite meine Ideensammlung. Eigentlich. Aber nun gewinnt das Bedürfnis mir einmal etwas von der Seele zu schreiben. 

 

Plötzlich war alles anders

Was ist passiert? Es gibt seit einigen Wochen ein Wort, das überall, ständig auftaucht - Corona. Erst war es weit weg. Dann kam es immer näher. Erst war es etwas, das anderen passiert - nicht uns. Dann kam es immer näher. Erst war man nur genervt von den Thema, reagierte mit Humor. Dann kam es näher und zeigte Auswirkungen.

Einige Menschen verfielen schnell in Panik, als klar war, dass auch Viren global agieren. Als ich die ersten leeren Regale im Supermarkt gesehen habe, habe ich noch gedacht - ok, da haben Menschen unbegründete Panik. Wie albern.

Aber es wurde immer öfter so. Nun kann man Glück haben noch das auf einmal wertvolle WC-Papier zu ergattern. Menschen sind mit Tunnelblick unterwegs, kaufen ein als gäbe es kein morgen. 

Aber: Das gibt es.

 

Angst? Ja, ein wenig, aber nicht vorm Virus

Da ich noch relativ jung bin und gesund, habe ich keine Angst davor an Corona zu erkranken. Auch 14 Tage Quarantäne erschrecken mich nicht. Erschrecken tut mich jedoch das Verhalten einiger Menschen. Hamsterkäufe ohne Rücksicht auf Verluste. Hauptsache ICH wen juckt der Andere! DAS macht mir Angst. Noch scheint es ein absehbarer Zeitraum zu sein, in dem wir uns umstellen müssen. Aber ohne Folgen wird der wirtschaftlich auf keinen Fall bleiben. Wenn sich Menschen in noch vermeintlich sicheren Zeiten schon so egoistisch benehmen..... was passiert dann bitte wenn es wirklich zu Folgen in der Wirtschaft kommt? 

Auch diejenigen, die Coronaparties feiern, die zusätzliche Freizeit nutzen und lachend Menschen anhusten, machen mir Angst. Zum einen, weil ihnen andere egal sind und zum anderen, weil sie immer noch nicht verstanden zu haben scheinen, worum es geht. Vielleicht ist es auch eher Wut statt Angst.

Ich finde es erschreckend wie wenig solidarisch unsere Gesellschaft in einigen Teilen ist. Wo ist das WIR geblieben? Szenen wie in Italien - Konzerte auf Balkonen füreinander und miteinander  - scheinen mir hier eher undenkbar. 

 

Wir entscheiden selbst

Die Situation ist da. Das können wir nicht ändern. Aber wir können entscheiden wie wir damit umgehen. 

Ich finde es klasse wie immer mehr Bäckereien die Kunden über ihr Vorgehen informieren, sich der Situation anpassen, das Beste daraus machen, erklären, versichern, umstellen.

Ja, einige stecken gerade in Existenzängsten. Denn niemand weiß bisher wie lang der Stopp ist. Das Glück der Bäckerbranche ist, dass wir Lebensmittel, wichtige Dinge des täglichen Bedarfs herstellen. Wir werden gebraucht. Andere Branchen stehen vor noch härteren Zeiten. Dennoch treten Zukunftsängste auch bei uns auf.

Bei mir war es nicht anders: Sämtliche Aufträge werden momentan abgesagt. Natürlich, denn Schulen und Bildungseinrichtungen schließen und Betriebe brauchen wegen der Betreuungssituation gerade jede helfende Hand für den "normalen" Alltag und haben Umsatzeinbußen, da sie Cafés schließen müssen.

Klar macht man sich dann Gedanken wie lang es ohne Aufträge funktioniert. Man schwankt zwischen Panik und Optimismus. Für welche Seite wir uns entscheiden liegt aber auch an uns. Wir müssen uns zwar der Situation anpassen. Aber: was wir daraus machen oder wie wir damit umgehen, entscheiden wir.

 

Chance oder Stillstand?

Ich habe mich gegen Panik und für Chancen entschieden. Das setzt Energien frei. Allerdings befinde ich mich auch momentan noch ein einer Situation, die noch nicht existenzbedrohend für mich ist. Besitzern von Bars, Kinos, Theatern usw. stehen da sicher momentan unter mehr Druck.

 

Diese Zeit - vermeintlicher Stillstand - birgt sehr viele Chancen, gesellschaftlich und persönlich:

  • Zeit - diejenigen, die im Homeoffice sind oder sich nun um ihre Kinder kümmern, bekommen erst einmal Zeit geschenkt. Zeit mit der Familie zum Beispiel. Ich nutze die Zeit, um endlich alles liegengebliebene abzuarbeiten. Die Wohnung ist nun auf Frühling getrimmt, Bücher werden gelesen, begonnene Konzepte weiter bearbeitet. 
  • Durchatmen - wir entschleunigen teilweise gerade zwangsläufig. Nachdem ich es geschafft habe das Gedankenkarussell "Angst" zu verlassen, konnte ich wieder herunterfahren. Ich merke, dass meine To-DO-Liste nun immens geschrumpft ist und Platz schafft für Kreativität und Projekte.
  • Anpassen - Präsenz geht gerade nicht, also werde ich die Zeit nutzen, um mich um meine Onlineprojekte zu kümmern. Die leckerste Branche der Welt passt sich auch stark an - schließt Cafés, aber bedient den Bereich Brot/ Brötchen usw. Auch eine Chance dort wieder bewusst zu werden, den Fokus auf diese Produktsparten zu legen. Vielleicht kommen auch neue Brotsorten dabei heraus.
  • Wertschätzen - wir lernen nun wieder mehr die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen. Wir waren arrogant genug, um zu glauben, dass wir alles immer im Griff haben und bestimmen können. Aber dem ist nicht so. Auf einmal bekommen wir nicht mehr alles was wir wollen sofort, können nicht hingehen wohin wir wollen. Wir lernen es wieder neu zu schätzen. Für die Bäckerbranche bedeutet es auch die Chance, dass Brot und Brötchen wieder einen neuen Stellenwert bekommen, sowie die Verlässlichkeit des Bäckers - er ist da und versorgt uns mit frischen Waren.
  • Solidarität - ich hoffe sehr, dass wir uns wieder mehr bewusst werden wie wichtig eine Gemeinschaft ist, die füreinander einsteht und sich unterstützt. Und es zeigt sich teilweise ja auch, dass dem so ist. So bin ich sehr dankbar für die Nachbarn meiner Mutter, die ihr anbieten Einkäufe und dergleichen für sie zu erledigen. Es entsteht zudem eine Solidarität, ein starkes Mitgefühl mit all jenen, die entweder von den Schließungen direkt betroffen sind oder die gerade unter voller Belastung stehen. 

 

Danke

Während die einen gezwungen sind ihre Arbeit niederzulegen, zu verändern, weniger zu tun, rotieren einige gerade, um uns zu helfen. Berufe, die bisher wenig Beachtung fanden, kaum wertgeschätzt wurden oder sogar Missachtung erfahren haben, sind gerade starke Stützen der Gesellschaft. Sie werden nun endlich als die wichtigen Berufe wahrgenommen, die sie sind. Ich hoffe das Umdenken und Bewusstsein dafür bleibt auch nach der Krise bestehen.

 

In diesem Sinne: DANKE an alle Pflegekräfte, Ärzte, Polizisten, Rettungskräfte, Feuerwehrleute, Busfahrer, Lokführer und alle anderen, die Mobilität aufrecht erhalten. Und Danke an alle, die im Verkauf tätig sind  - egal ob Bäckerei, Lebensmitteleinzelhandel oder Apotheken und dergleichen. Danke, dass ihr die Nerven behaltet, die Beschimpfungen aushaltet, damit umgeht täglich vielen Menschen ausgesetzt zu sein. 

Sicher habe ich einige Berufe vergessen. Aber ich denke, auch diejenigen wissen, dass sie gemeint sind.

 

Wenn ich einen Wunsch frei hätte

... dann würde ich mir wünschen, dass die Krise dazu führt, dass wir wieder mehr als Gesellschaft zusammenwachsen, einander helfen, diejenigen auffangen, die nach der Krise vor neuen Herausforderungen stehen und die Folgen meistern müssen. Dass wieder mehr Respekt und Wertschätzung in die Welt kommt und wir verstehen, dass Dankbarkeit angebracht ist und wir nicht alles in der Hand haben. 

 

Ich sitze gesund in meiner gemütlichen Wohnung. Die Sonne scheint, meine 2 Katzen liegen zufrieden hier herum. Meine Freunde und Familie sind gesund. Was fühle ich gerade? - hohe Dankbarkeit.

 

Bleibt gesund, achtet aufeinander und ergreift Chancen, auch wenn sie sich manchmal erst verstecken.